Piccola Commedia dell'Arte
 

DAS ALTE HAUS, DAS NEUE HAUS

Das Haus ist halb zerfallen. Die Mauern bröckeln ab. Die Fensterscheiben haben Risse. Das Blech über dem Schuppen im Garten ist zerbeult. Das Unkraut feiert grenzenlose Freiheit. Blüht kreuz und quer. Der Wind peitscht das hohe Gras einmal nach vorne, einmal nach hinten.

Die Geranienköpfe hangen über den Fenstersims herunter. Wo ist Hansli? Wo ist Mauzi, die rot-geringelte Katze? Wo der Esel? Vor allem: Wo ist Nunì?

Ich stosse die Türe auf. Sie ächzt. In der Küche hangen schwere Duftfetzen von frittiertem Öl. Blaue Fliegen überall. Ich sperre alle Fenster weit auf. Ich hole einen Eimer frisches Schaumwasser und einen Schwamm. Reibe, wische, kratze, spüle. Das herumliegende Geschirr tauche ich in das Becken unter dem Wasserhahn. Ich bürste es sauber, obwohl es schon sauber sein sollte.

Es pickt irgendwo. Hansli! denke ich. Ich reisse die Türe auf. Etwas fliegt davon. Zu schnell. Ein Vogel? Ein dürres Blatt? Eine Blüte? Ich geh in mein Zimmer. Alles ist so, wie ich es verlassen habe, aber es riecht nach verbrauchter Luft. Am Boden liegt ein Zettel mit einer Telefonnummer. Alles kommt mir irgendwie bekannt vor und doch neu. Ich zerre das Duvet vom Bett. Auch das Kopfkissen. Schüttle sie,   hänge sie über den Fenstersims. Luft, Luft, Luft... Ich bin süchtig nach Luft.

Hier oben auf dem grünen Hügel ist die Luft rein, frisch, transparent. Leicht, wie nur reine Luft sein kann. Grün duftend. Auch rosa duftend. Der Himmel ist enorm weit weg. Aber berührbar. Ich versuche mich wieder zuhause zu fühlen, auch wenn die Tiere nicht da sind. Meine Freunde. Nunì scheint auch nicht da zu sein. Ich hab sie eigentlich gar nicht so richtig gesucht. Ich habe ihr Zimmer nicht betreten. Vielleicht schläft sie.

Ich bilde mir ein, ich würde es spüren, wenn sie da wäre. Ich fühle mich aber von der ganzen Welt verlassen. Im ersten Moment, als ich vor dem Hause stand und versuchte Freude zu empfinden, überfiel mich ein stechender Schmerz.

Ich begebe mich unter die Linde, versuche mit den Fingern den Stamm abzutasten, ob der Baum einmal eine Öffnung hatte, durch die ein ganzer Mensch hätte hervorkriechen können.

Ich muss geträumt haben. Ich stellte mir vor, Kant, der grosse Philosoph, habe mich einmal besucht. Aber er ist schon lange gestorben. Kant ist für mich die Quintessenz des Unerreichbaren, den Saft des Lebens, das Symbol des Weltgeheimnisses.

Ich schlendere ums Haus herum, den verwilderten Garten hinunter. Irgendwann sollte man das Gras mähen. Aber aufgepasst! Ich sehe farbige Dinge darin, versteckt hinter den hohen Halmen. Eine Puppe, die Puppe Bella, ihr Näschen immer noch eingedrückt. Das Pyjama mit herrlich blumigem Muster. Ein einziges Champagnerglas, sein Rand goldig. Handgeritzt. Farbige Glasmurmeln, überall verstreut, wie Pilze. Ausgestanzte Bilder aus einem Poesiealbum. Den Aquamarin-Ring meiner geliebten Tante Linda. Ein Kasperl aus Holz und Stoff.

Ich bücke mich, sammle alles in einen Sack, bringe ihn in mein Zimmer. Komme zurück, setze mich auf einen Stein, spüre das Streicheln des warmen Mittagswindes. Genau vor meinen Füssen erblicke ich den Vierfarben-Stift von Vreni Emer, meiner früheren Freundin. Ich greife nach ihm und überlege, was ich damit tun soll. Chopins Klavierkonzert kommt und geht. Ich schmeisse den Stift weit weg über die Himbeersträuche, den Abhang hinunter, in den Bach hinein. Wo die rosa Puppen sich bei Vollmond treffen. Kirchglocken lassen ihre Metallklänge fallen. Sammle sie, schliesse sie in Abfallsäcke ein, schmeisse auch die den Abhang hinunter.

Ich gehe meine neue Umgebung auskundschaften. Ein römischer Brunnen speit sein Wasser hoch in die Luft. Dieses fällt dann in verschiedene tellerartige Becken zurück. Ich überlege, wie der Brunnen hat dahin kommen können. Handwerker in dieser verlassenen Gegend? Ich habe mich in eine falsche Gegend verirrt. Aber mein Haus habe ich ja gefunden. Etwas verkommen, aber es ist bestimmt mein Haus.

Das Haus war leer als ich es betrat. Ich habe mich ohne zu zögern in die Küche begeben. Ich habe das herumliegende Geschirr eingeweicht und abgewaschen, den Boden sauber aufgenommen. Ich habe doch sofort den Eimer gefunden und auch die flüssige Seife. Die Plastikhandschuhe um die Hände zu schonen habe ich nicht gefunden.

Jetzt sitze ich vor dem römischen Brunnen und schaue dem Wasser zu. Ich würde gerne wissen, woher nicht nur das Wasser kommt, sondern auch wie der Brunnen hierher kam. Wer ihn aufgestellt hat. Ob wohl ein römischer Bildhauer vorbeikam und ihn genau an diesem Ort hingestellt hat? Oder stammt der Brunnen aus der neueren Zeit und ist er nur die Kopie eines römischen Brunnens? Selbst diese Kopie müsste hergeschleppt worden sein.

Ich beschliesse sitzen zu bleiben, hier vor dem Brunnen bis ich mir eine Erklärung zurecht gezimmert habe. Bis meine Fantasie die Lücke schliesst wo das Wissen nicht hinreicht. Vielleicht ist der Brunnen echter als mein Haus. Vielleicht ist mein Haus nur eine Sache meiner kranken Fantasie. Der Brunnen aber pure Realität. Oder umgekehrt.   Mein Haus hat emotionellen Wert, der Brunnen aber nicht.

Ich suche mein Haus zwischen den Bäumen. Ich kanns nicht finden. Während der Brunnen immer weiterplätschert, auch wenn ich sein Plätschern nicht mehr höre.

Das ewige Zweifeln. Was ist, und was sein könnte macht mich krank. Macht mich unsicher, wenn ich nicht weiss, ob ich mich eventuell in den Hügel geirrt habe. Es gibt viele ähnliche Hügel in dieser Gegend. Da ich nicht gut sehe und auch die Brille mir nicht helfen kann, bin ich doppelt unsicher. Es kommt sogar vor, dass ich über meine Unsicherheit zweifle. Ich kann sogar darüber zweifeln, ob ich eine Mutter je gehabt habe und wenn ja, ob sie wirklich auch gestorben ist. Ich hab sie tot nicht gesehen. Aber an ihrer Abdankung hat man mich gebeten, die Grabrede zu halten.

Es kommt vor, dass ich laut ihren Namen rufe wenn ich abends hungrig nach Hause komme. Und sie noch lauter bitte, mir das Nachtessen zuzubereiten. Bis jetzt hat dieses Schreien nichts genützt. Ich muss das Kochen selber besorgen, wenn ich essen will. Aber ich schliesse nicht aus, dass ich einmal einen Braten mit neuen Kartoffeln vorfinde. Und einen Salat dazu.

Wenn ich meine Zweifel Herrn Fischer, meinem Nachbar erzähle, sagt er mir, mein Geist grenze ans Abnormale. Dann hasse ich den Nachbarn und die ganze Menschheit dazu. Auch darf ich ihm nicht erzählen, das ich ein Haus hatte, dass ich aber ab und zu darüber Zweifel hege, ob ich es bewohnte oder nicht. Ich höre hinter mir Schritte. Ich kehre mich um.

Kommentare, Anregungen sehr erwünscht: office@piccolacommedia.ch

Fortsetzung folgt.

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